| Auszug aus der Dorfgeschichte von Salsach
Übersetzt von Pater Gustav
P. Anton Puntigam, der berühmteste Sproß aus Salsach, hat im Jahre 1924 eine Geschichte des Dorfes Salsach niedergeschrieben, in der er alles eingearbeitet hat, woran er sich selbst erinnern konnte und was er durch Befragen von alten Leuten erfahren konnte.
Diese händisch niedergeschriebene Geschichte ermöglicht einen Blick in die Vergangenheit, der so interessant ist, daß es wert ist den Aufsatz mittels dieses Buches der Allgemeinheit bekannt zu machen.
Vorwort
Es ist heute, wo wir diese Geschichte zu schreiben beginnen, der 7. August 1924. Schreiber dieser Zeilen, Priester der Gesellschaft Jesu (Jesuiten) und Bruder der Herrn Leopold Puntigam, Mühlen_ besitzers in Salsach, weil gegenwärtig bei dessen Familie, um, so Gott will, seine angegriffene Gesundheit wieder herstellen. Da ich weiß, wie lieb es unseren Nachkommen sein wird, wenn sie einst in diesem Buche werden lesen können, wie es ihren Eltern, Großeltern, Urgroßeltern u.s.w. ergangen, wie sie gearbeitet, christlich gelebt und endlich in die ewige Ruhe eingegangen sind, so habe ich dem Herrn Müller, meinem Bruder, geraten, die Geschichte seines Hauses genau aufzuschreiben.
Salsach, den 7 August 1924, August Puntigam SJ, oder "Onkel Toni"
Unser Heimatdorf Solsa
Auf Ersuchen meines Bruders Leopold stelle ich hier kurz zusammen, was wir alten Leute von unserem Heimatdorf wissen und von noch älteren Leuten erfahren haben. Das Volk nennt das Dorf nicht Salsach, sondern Solsa. Und das ist der richtige, ursprüngliche Schriftname. Denn Salsach war, wie die ganze Gegend bis über Graz hinauf, einst slawisch. Slawisch ist der Name "Solsa", auf Deutsch: Träne (vielleicht wegen des Teiches in der Mitte), slawisch ist die ganze Anlage des Dorfes um den Teich, ein Ringdorf, wie es bei den Slawen Sitte war. Wann das Dorf gegründet wurde, ist nicht bekannt. Die ältesten Leute erzählen, daß über der Wäsche (=Waschplatz, Anm.) an der Grenze von Weixelbaum auf dem Acker des Maxl ein Schloß gestanden sei mit großem Weideplatz, der "Ochsenhalte" Am Jaun dort seien früher Häuser gestanden und später sei das Dorf an der jetzigen Stelle aufgebaut worden. Auf dem Acker des Maxl grub man wirklich Baussteine aus.
Der große Brand von 1770
Sicher ist, das der größte Teil des Dorfes, die "Oberzeil" im Jahre 1770 abgebrannt ist. Der Knecht vom Wonisch (Haus Nr. 10) schoß am Ostersonntag beim Osterschießen mit der Pistole auf das Dach des Nachbarn Wonischblas (ale Haus Nr. 9) und verursachte so das Unglück. Damit der liebe Gott das Dorf von einem solchen Unglück bewahre wird heute jedes Jahr am Ostersonntag beim Kreuz öffentlich der Rosenkranz gebetet. Noch heute sind in verschieden Tennenbauten z. B. beim Maxl (Haus Nr. 7) beim Tag (Haus Nr.2) u.s.w. angebrannte Bäume zu sehen, die von jenem Brand herrühren. Seither hat der liebe Gott das Dorf oft in auffallender Weise vor dem Feuer geschützt. Denn wie der Nagler mir sagte, haben Kinder wohl ein dutzendmal Feuer angezündet, aber immer konnte es rechtzeitig gelöscht werden. Die ältesten gemauerten Häuser in Salsach sind das vom Benendikt (Haus Nr.6), erbaut 1798, vom Winkelhans (Haus Nr. 22) und Batomi (Haus Nr. 25, auch vlg. Paulthoma). Das Kreuz (gemeint ist die Dorfkapelle) wurde schon 1632 erbaut. Bis zum Jahre 1857 wurde alles Vieh gemeinsam geweidet. Der große Weideplatz für Pferde und Rinder am Jaun draußen wurde im Jahre 1857 aufgeteilt. Die Schweine, Gänse u.s.w. weideten mitten im Dorfe. Denn das Dorf war vollständig eingeschlossen. Es gab drei Tore: das erste beim Garten Nagler (Haus Nr. 1) das zweite beim Lenz (altes Haus Nr. 14). Wenn Fremde kamen, besonders Herrschaftswägen so beeilte sich die Dorfjugend, die Tore zu öffnen, wel sie dafür einige Kreuzer erhielten.
Obstbäume
Im Dorfe zwischen der Ober- und Unterzeile,wo die Schweine und die Gänse hausten,gab es keine Obstbäume. Der alte Maxl soll die ersten gepflanzt haben. Und heute sieht man das Dorf vor lauter Bäume fast nicht mehr. Das Dorf hat heute (1924) 35 Häuser mit 214 Einwohnern. Darunter sind 16 ganze Bauern und vier Halbbauern. Seit Menschengedenken sind drei Bauern zugrundegegangen: der Schneider (alter Hausnummer 18), der Wonischblas (alte Hausnummer 9) und der Schmied (alte Hausnummer 20). Das Dorf gilt als wohlhabend. Es hat keinen Armen zu versorgen und hat noch niemals Umlagen (=Schulden) gehabt, wessen sich kein anderes Dorf im Bezirk Mureck rühmen kann. Die Leute sind aber auch überaus fleißig und sparsam; auch gibt es im Dorfe kein Wirtshaus.
Schule
Alle Kinder von Salsach gingen nach Weixelbaum in die Schule. Anfangs war einklassige Volksschule im kleinen hölzernen Haus des Herrn Zirngast (Weixelbaum Nr. 20), der Lehrer einer ganzen Generation war, der eine ganz vorzügliche Methode hatte und den Kindern in kurzer Zeit das Lesen, Schreiben, Rechnen und den Katechismus beibrachte. So z. B. konnte unser Bruder Hans in drei Jahren gewiß mehr, als jetzt viele Kinder in sieben Jahren. Dann kam die Schule ins Hafnerische Haus (Weixelbaum Nr. 13), das war in den Sechzigerjahren Dort wurden allmählich zwei Klassen errichtet. Ins neue Schulhaus zogen sie 1874. Dort sind jetzt vier Klassen. Bemerkensvert ist, daß der alte Kundler (Salsach Nr. 26) im Winter die Kinder mit großem Erfolge unterrichtete und weiterbildete. Alles unentgeltlich. Auch Lehrer Zirngast bekam nur von den Kindern Schulgeld, 80 Kreuzer bis 1 Gulden (ein Gulden mag damals etwa den Wert von 10 Euro gehabt haben).
Sittlichkeit
Das es in Salsach mit der Sittlichkeit bisher nicht so schlecht stand, beweist wohl der Umstand, daß durch mehr als 30 Jahre kein uneheliches Kind geboren wurde. Erst im Weltkrieg (1.Weltkrieg) hatte ein Russe mit einer nicht nach Salsach zuständigen Person ein solches.
Gute und schlechte Jahre
Die Jahre von 1811 bis 1817, besonders die drei letzten, waren Hungerjahre, da es in einem fort regnete. Brot wurde aus Kukuruzkolben und Rinde gemacht. In Diepersdorf war es noch schlechter. Die Salsacher Bauern gaben je einen Laib Brot nach Diepersdorf und bekamen dafür die Bachhalde und die Gründe jenseits des Baches.
1834 war ein sehr trockenes Jahr, sodaß schon Mangel an Trinkwasser war, der Teich trocknete ganz aus. Wein war viel und ausgezeichnet, von dem man schnell betrunken wurde. Das Vieh mußte vom Laub erhalten (werden) sodaß man die Eichen alle entlauben mußte. In Salsach wo alle Tage beim Kreuz (Kapelle) gemeinschaftlich um Regen gebetet wurde, fiel einst unerwartet zur Schnittzeit ein ergiebiger Regen, während die anderen Dörfer trocken blieben. Ein paar Ochsen kostet 14 Gulden, ein Kalb 1 bis 2 Gulden.
1857 war wieder ein sehr dürres Jahr, sodaß die Wiesen ganz austrockneten und der Teich wieder fast ganz austrocknete. Im folgenden Jahr aber war Überfluß an Gras und Futter.
1866 ist im Frühjahr alles erfroren. Noch am 11 Juni gab es Reif und Eis. Die Äpfel froren auf den Bäumen. In diesem Jahre hatten wir Einquartieren von ungarischen Husaren. Ich kann mich noch daran erinner. Die Siebzigerjahre waren schlecht, die Achtzigerjahre gut. 1886 war ein ausgezeichnetes Getreide- und Weinjahr. 1908 war ausgezeichnet fruchtbar, Obst wie nie früher, Wein viel und gut.
Dies ist ein kleiner Auszug aus dem Buch "Eine Dorfgeschichte von Salsach" aus dem Jahre 1924
Biographie vom Pater Anton Puntigam (1859-1926) |